
Frage 1: Wann hast du angefangen zu schreiben, und was hat dich schließlich dazu gebracht, dein erstes Buch zu veröffentlichen?
Jede Autor*in sagt immer: „Schon als Kind …“ – ich nicht. Ich habe das Schreiben erst mit 16 entdeckt, als das Leben mir zum ersten Mal richtig eine reingewürgt hat und mich in meine ersten Herzschmerzen katapultierte. Poesie war das große Wort – nur leider war das, was ich schrieb, mehr dramatische Schnulze als tiefsinnige Lyrik. „Er liebt mich, er liebt mich nicht“ war da noch der qualitativ hochwertigste Satz.
Spätzünder? Ja. Aber konsequent. Ab diesem Zeitpunkt hat mich das Schreiben nie mehr verlassen, egal was passierte. Also dachte ich mir: Warum nicht auch noch offiziell? Ich habe Literaturwissenschaften in Polen studiert, mit dem ehrgeizigen Ziel, mich für immer in der literarischen Welt zu vergraben. Logische Schlussfolgerung? Nicht wirklich. Aber ein schöner Umweg.
Dann kam das Leben dazwischen. Deutschland, Neustart, Traum auf Eis gelegt. Jahrelang. Bis ich irgendwann bemerkte: Der Traum war nicht tot, sondern nur leise geworden. Und dann, in einer Zeit, in der es mir nicht gut ging, fing ich wieder an zu schreiben – und diesmal nicht nur Tagebücher. Plötzlich hatte ich nicht nur meine Geschichte zurück, sondern auch mein Herz für mich selbst wiedergefunden.
Frage 2: Wie fühlst du dich, wenn deine Bücher online gehen und die ersten Lesermeinungen eintreffen?
Verstecken. Stolz. Unglaube. Wieder verstecken. Noch mehr Stolz. Gute Laune. Wieder Unglaube.
All das in Millisekunden, in Dauerschleife. Und immer dieselbe Frage an mich selbst: „Hast du das wirklich geschafft? Du?“
Frage 3: Wer oder was inspiriert dich zu deinen Geschichten? Oder schreibst du einfach drauflos?
Meine Geschichte? Ein wenig … Keine Biografie, aber ja – wenn du gut hinsiehst, findest du mich oft genug darin.
Aber was mich wirklich antreibt? Feminismus. Frauengeschichten. Solidarität zwischen Frauen – oder wenn sie fehlt. Der ewige Kampf gegen die erlernte Hilflosigkeit, die viele Frauen in sich tragen – mich eingeschlossen. Und natürlich der Kampf gegen das Patriarchat selbst.
Frage 4: Gibt es einen Lieblingsort, an dem du schreibst?
Oh ja. Und wehe, jemand ändert daran auch nur ein Detail.
Mein Büro ist mein Anker. Ich schreibe morgens, wenn alle noch schlafen. Ich habe es mit den „Schriftsteller im Café“-Szenen versucht – mit Laptop, Cappuccino und kreativem Kopfnicken. Hat nicht funktioniert. Ich saß da, habe Menschen beobachtet, Kaffee genossen – und kein einziges Wort geschrieben.
Dann die Bibliothek. Dachte, das sei DER Ort für Inspiration. War aber eher ein Ablenkungsfestival.
Fazit: Mein Schreibplatz bleibt mein Schreibtisch – Kaffee inklusive, aber ohne Menschen.
Frage 5: Was sagen deine Familie und Freunde dazu, dass du schreibst? Lesen sie deine Bücher?
Meine Familie in Polen? Noch nicht. Mein Buch erscheint dort erst im Juli, und ich bin gerade dabei, es zu übersetzen.
Mein Mann und meine Tochter? Sie stehen voll hinter mir. Meine deutsche Familie und manche Freunde? Viele wussten gar nicht, dass ich schreibe. Jetzt wissen sie es – und mittlerweile lesen sie es auch. Ob sie alles verstehen? Eher nicht. Ob sie akzeptieren, dass ich mit 50 Jahren Schriftstellerin und Künstlerin geworden bin? Nun … sagen wir mal, sie geben sich Mühe.
Frage 6: Als Autor wachsen einem sicher die Protagonisten ans Herz. Wie geht es dir, wenn du unter ein Buch das Wort „Ende“ schreibst?
Es ist jedes Mal ein Dilemma, vor allem wenn eine Lieblingsfigur sterben muss. Dann zögere ich den Moment endlos hinaus. Aber es ist wie im echten Leben: Wenn man ein paar Schachzüge gemacht hat, gibt es irgendwann keine andere Möglichkeit mehr.
Ich habe ein kleines Ritual:
Ich zünde eine Kerze an und verbrenne einen Zettel mit dem Namen der Figur. Eine Art symbolischer Abschied, damit ich mit etwas Neuem beginnen kann.
Zum Glück schreibe ich keine Krimis oder Horrorgeschichten – sonst müsste ich eine ganze Kiste Streichhölzer neben meinem Schreibtisch lagern.
Frage 7: Gehst du neben dem Schreiben noch einem anderen Beruf nach? Falls ja, wie bringst du das alles unter einen Hut?
Lange Zeit ja. Ich habe in verschiedenen Berufen gearbeitet und versucht, glücklich zu sein‘. Das Ergebnis? Depression. Klinik. Vollständiger Reset.
Dort habe ich endlich verstanden, dass ich mir selbst erlauben muss, die Person zu sein, die ich bin – eine Künstlerin und Autorin.
Seitdem bin ich Vollzeit kreativ – und das sage ich mit vollem Stolz. Der Ausstieg war schwer, aber für mich war es der echte Sieg. Denn ich habe gelernt, wenn ich mich selbst verleugne, werde ich irgendwann den vollen Preis dafür zahlen.
Frage 8: Gibt es etwas, das du deinen Lesern gerne mitteilen möchtest?
Achte auf dich selbst.
Tu nichts, was gegen deine eigenen Grenzen verstößt. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen:
Wenn du dich selbst verrätst, stirbst du lange, bevor der Sensenmann anklopft.
Also: Sag rechtzeitig Nein zu allem, was nicht zu dir passt.
Vielen Dank für das interessante und offene Interview, Anik Kina, und viel Erfolg mit allem, was du noch schreibst.
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