Autoreninterview mit: Jeannette Oertel

Frage 1: Wann hast du angefangen zu schreiben, und was hat dich schlussendlich dazu gebracht dein erstes Buch zu veröffentlichen?

Ich fing als Teenager an, mich in die Herzen jener Menschen zu schreiben, die mir am kostbarsten waren. Wenn ich zu verletzlich war oder mich zu wenig gespürt habe, um mich zu zeigen. Ich war sehr schüchtern. Wenn ich den mir wichtigsten Menschen gegenüberstand, brachte ich oft die entscheidenden Dinge nicht heraus. Schreibend bahnte sich mein Mut an. Und immer wieder ermunterten mich diese Menschen: „Schreib, Jeannette. Schreib unbedingt weiter. Schreib mal ein Buch!“

In meiner Kindheit und Jugend gab es viel Sehnen, Verlustangst und eine unerfüllte Liebe, die nicht sein durfte. Schreibend habe ich mir ein zweites Leben geschaffen. Eine Bühne für meine Phantasie, für alles, was ins Licht wollte, raus aus mir. Es hat meinen inneren Vorhang ganz weit aufgezogen. Und so manches Mal hat es mir gegen meine Ur-Angst, von dem Menschen, den ich liebe, vergessen zu werden, geholfen.

Bevor ich „Der wunde Himmel“ schrieb, habe ich gesungen, anfangs in einer Band und später klassisch, und habe mich dann für einen Beruf mit Fremdsprachen entschlossen. Meine Kreativität ist aber immer wieder aus mir geplatzt, zunächst in diversen Kurzgeschichten in Anthologien meines Verlages, dem Konkursbuchverlag C. Gehrke.

Ich schreibe über Abgründe und geheime Winkel in den Menschenseelen, die mich seit jeher faszinieren. Ich schreibe über Leidenschaften, die gefährlich werden können, über Sehnsüchte wie Fieberträume. Dabei folge ich meinen Erinnerungen und Gefühlen, ohne mich zu kümmern, auf was für ein „Genre“ es hinausläuft. Wahrheit und Gefühle lassen sich nicht immer in ein Genre pressen.
Als ich im Diplomatischen Dienst zu arbeiten begann, startete für mich ein rasantes Abenteuer mit Schatten und Ohnmacht, Tausendundeiner Nacht und eiskalter Verführung. Begonnen mit „Der wunde Himmel“ habe ich, als nach Wochen taumeligen Glücks der Himmel jäh dunkler wurde, so sehr die Sonne auch weiter schien. Eine schwere, dunkle Sonne. Es war der Punkt, an dem Lieben und Sehnen nicht mehr Hand in Hand gingen. Als mein Sehnen zu stark geworden war und das Gesunde mir wegbrach. Schreibend gelang es mir, mich aufzufangen. Mich wiederzufinden.
„Der wunde Himmel“ ist Krimi und Thriller und Drama in einem. Der Roman lässt keine Facette einer Liebe aus, die zur Obsession wird.

Frage 2: Wie fühlst du dich, wenn deine Bücher online gehen und die ersten Lesermeinungen dazu eintreffen?

Da bin ich jedes Mal nervös. Erst mal hole ich tief Luft und schließe kurz die Augen, bevor ich eine nächste Rezension mit Herzpochen öffne. Unvergesslich war vor allem auch meine erste Lovely Books-Leserunde. Als die ersten Feedbacks kamen, und sogar die Anregung, Teil II von „Der wunde Himmel“ zu schreiben. Viele wollen wissen, wie die Geschichte weitergeht. Das waren und sind ungeheuer glückliche Momente, für die ich sehr dankbar bin.

Frage 3: Wer oder Was hat dich zu deinen Geschichten inspiriert, oder schreibst du einfach darauf los?

Es sind Menschen, die Spuren in meinem Herzen hinterlassen haben. Menschen, in die ich mich einmal für immer verliebt habe, ob ich mit ihnen heute noch zusammen bin, oder nicht. Ich wollte und will diese Menschen weiterleben lassen. In meinen Texten lasse ich sie Dinge tun, die sie selbst womöglich nie tun würden? Es gibt auch Menschen, die habe ich nur ein einziges, kurzes Mal erlebt, oftmals lange her, und doch haben sie sich in mich eingebrannt. Ich entwerfe auch gerne Menschen, die ich gern kennenlernen würde. Dabei schreibe ich auf ein Gefühl hin, das sich im Laufe der Handlung hochintensiv steigert und eine Wende auslöst, die Schicksale dreht. Ich schreibe in die Tiefe.

Frage 4: Gibt es einen Lieblingsort, an dem du schreibst?

In der Tat in fahrenden Zügen, lach. Sie tragen mich hinweg, und so wird auch meine Phantasie mit hinweggetragen. Sie kommt aus sich heraus. Dann finde ich die spannendsten Wendungen und Brüche, aber auch Dialogfetzen, die mir zuhause seltener einfallen.
Gerne nehme ich mir auch Auszeiten am in meiner Wahlheimat am Bodensee. Dann versinke ich in meiner Phantasie. Oder in Theaterbars. Oder bei Sonnenuntergängen und auf Kursschiffen. Schon immer habe ich mich intensiver dort gespürt, wo mein Alltag nicht stattfindet. Und an meinem Waldschreibtisch schreibe ich zu gerne. Auf dem Berg, auf dem ich lebe, befindet sich ein dichter, gesunder Wald. Mitten darin steht ein Tisch mit einer Bank. Daneben prangt ein Grabstein mit verwitterter Inschrift. Das Ganze wirkt wie eine verwunschene Szenerie, die mich massiv inspirieren kann.

Frage 5: Was sagen deine Familie und Freunde dazu, dass du schreibst und lesen sie deine Bücher?

Von meiner Kernfamilie lebt nur noch mein geliebter Vater. Familie ist bei mir ein wundes Thema. Meine Mutter verlor ich viel zu früh an Krebs. Auch meine Großeltern schieden zu früh aus dem Leben. Geschwister habe ich nicht. Doch was ich habe: Wunderbare Freunde und Bezugspersonen, die mir so manches ersetzen.

Meine Mutter wäre wahnsinnig stolz auf meinen Debütroman. Wie ein Kind hat sie sich früher immer gefreut, wenn ich mal wieder eine Kurzgeschichte veröffentlicht hatte. Und weil sie niemals mein Buchbaby in den Händen halten wird, habe ich es ihr gewidmet.
Ich habe noch entferntere Verwandte, sie wohnen in alle Himmelsrichtungen Deutschlands und den USA verstreut. Es tut gut, sie zu wissen. Sie alle haben meinen Debütroman verschlungen, was mich bei dem einen oder anderen freudig überrascht hat.

Frage 6: Als Autor wachsen einem sicher die Protagonisten, die man entstehen lässt ans Herz, wie geht es dir dabei, wenn du unter ein Buch das Wort ENDE schreibst?

Ich bewahre meine Protagonisten in meinem Buch für immer auf. Mit Sicherheit war Wehmut ein starkes Gefühl, als „Der wunde Himmel“ aus dem Endlektorat in den Druck ging. Plötzlich fühlte es sich an, als hätte jemand mein Leben angehalten. Und nun? Drei Jahre lang hatte ich inmitten meiner Romanfiguren und ihrer Umgebung gelebt. Das hat mich für ein paar Tage ein wenig orientierungslos und traurig gemacht. Doch dann tat sich die Idee für meinen nächsten Roman zart, in kleinen Schritten, in mir auf wie Sequenzen eines Kinofilms mit noch viel Rauschen. Ich wollte das Rauschgefühl während meiner Schreibzeit an „Der wunde Himmel“ wiederholen, ich wollte es so sehr. Doch spüre ich mittlerweile, dass diesmal alles ganz anders wird. Es gibt kein zweites Erstes Mal.

Frage 7: Gehst du neben dem Schreiben auch noch einem anderen Beruf nach, wenn ja welchen? Und wie schaffst du es das alles unter einen Hut zu bringen?

Nach Jahren als Übersetzerin und im Assistenz-Bereich studiere ich seit einer Zäsur in meinem Leben systemische Psychologie. Ich bin da immer mehr am Hineinwachsen. Eines Tages will ich Menschen mit Traumatisierungen und Angststörungen helfen, weil ich in meinem eigenen Leben bereits einiges davon aufarbeiten durfte, und mich von Seelenschmerz und Ängsten immer mehr zu befreien lerne.

Frage 8: Gibt es etwas das du deinen Lesern gerne mitteilen und sagen möchtest?

Ihr Lieben, danke, dass Ihr mein Debütbaby mit so offenen Herzen willkommen geheißen und es auf seiner Reise ins Leben begleitet habt. Ich danke Euch, dass es schon so viele Heimaten finden durfte, und so viel Neugier und auch Überraschung. Schließlich durfte es auch Leser begeistern, die sein Genre sonst eher nicht mögen. Ihr habt mir und meinem Buchbaby viele magische Momente bereitet, und ich freue mich sehr, den einen oder anderen von Euch auf der Leipziger oder Frankfurter Buchmesse persönlich kennenzulernen.

Vielen Dank für das interessante und offene Interview Jeannette und viel Erfolg mit allem, was du noch schreibst.

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