Autoreninterview mit: Esther Gille

Frage 1: Wann hast du angefangen zu schreiben, und was hat dich schlussendlich dazu gebracht dein erstes Buch zu veröffentlichen?

Der erste Satz meines Buches fand seinen Platz auf dem Papier in der ersten Maiwoche des Jahres 2019 – wenige Tage nach meiner mehrmonatigen, stationären Traumatherapie. Im Verlaufe der Behandlung sprach mein klinischer Psychotherapeut immer wieder die positive Möglichkeit an, ein Buch über meine Lebensereignisse zu verfassen. Er begegnete damit meiner wochenlangen Skepsis. Nur – er ließ nicht nach in seinem Bemühen. Brachte mir sanft, kontinuierlich und überzeugend diesen Vorschlag nahe, bis er sich in meinem Denken niedergelassen hatte.
Als „Abschiedsgeschenk“ hinterließ ich ihm das Versprechen, „NOVEMBERKIND“ zu schreiben.

Aber Schreiben ist noch nicht Veröffentlichen. Während der Schreibphase erfassten mich heftige Zweifel an der
Richtigkeit einer Veröffentlichung. Ich bin zurückhaltend und keineswegs ein Mensch der Öffentlichkeit. Mein autobiografischer Roman aber gibt Einblicke in eine sehr verletzte, traumatisierte Seele. In den Kern meines Seins.
In mein durchlittenes Leben. „NOVEMBERKIND“ zeigt eine große, noch immer vorhandene Zerbrechlichkeit.
Ich kam nicht umhin, mir selber die Frage zu beantworten, ob ich in der Lage sein würde, mit eventueller Kritik am Inhalt meines Buches adäquat umzugehen. In dieser Auseinandersetzung mit mir selber begriff ich, dass ich zu mir und meinem Leben in jeder Hinsicht stehe. Dieses Erkennen war der Schlüssel zur Veröffentlichung von „Novemberkind“.

Frage 2: Wie fühlst du dich, wenn deine Bücher online gehen und die ersten Lesermeinungen dazu eintreffen?

Der Veröffentlichungstermin des Buches verschob sich aus technischen Gründen um ein paar Tage. Irgendwann im September 2020 riskierte ich einen Blick ins Internet und stand vor der unfassbaren Tatsache der Veröffentlichung von „NOVEMBERKIND“. Der Verlag arbeitet auf europäischer Ebene. Das Buch erscheint somit in mehreren Ländern in deutscher Sprache. In Italien ist es auch in der Landessprache publiziert. Ich war fassungslos. Konnte mich anfänglich nicht damit identifizieren. Autorin genannt zu werden, war mir seltsam fremd. Und dann kamen erste Meinungen, Rückmeldungen, Rezensionen. Und sie „trafen“ mitten ins Herz. Meine Leser vermittelten mir ihre persönlichen Emotionen beim Lesen dieses Buches, ihre Anteilnahme, Ihr Verständnis. Welch ein unfassbares Geschenk. Tief und nachhaltig berührt danke Ich jedem Einzelnen dafür. Für ihre Zeit, Ihr Interesse und für dir Wärme, die mir entgegengebracht wird. In der Kälte aufgewachsen, musste ich mich tatsächlich erst damit zurechtfinden.

Frage 3: Wer oder was hat dich zu deinen Geschichten inspiriert, oder schreibst du einfach darauf los?

Inspiriert hat mich neben der bereits erwähnten Unterstützung meines Therapeuten der Wunsch, Menschen in ähnlichen traumatischen Lebenssituationen „eine Stimme zu geben.“ Meine eigene Erfahrung hat mir gezeigt, wie viel Kraft, Überwindung und Mut es erfordert, unsägliches überhaupt in Worte zu fassen. Sich als Voraussetzung dafür auf seine Emotionen einzulassen. Wut, Kummer, Not und Verzweiflung im Schreiben erneut zu fühlen. Es ist ein unsagbar schönes Erleben, aufzeigen zu dürfen, dass jeder Mensch wertvoll ist in seiner ganzen Individualität. Das wir in uns selber die Kräfte tragen, zurück zu kehren in ein gutes Leben.
Und zu guter Letzt war es für mich eine Therapie nach der Therapie. Mit positivem Fazit.

Frage 4: Gibt es einen Lieblingsort, an dem du schreibst?

Ja – meinen „Tisch für alles“. Er steht in der Nähe meines Bücherregals. Ich fühle mich da zuhause. Mit jeweils einer Tasse Kaffee und dem Blick ins Grüne ist „NOVEMBERKIND“ dort in Ruhe entstanden. Umgeben von meinen Auswertungen und Recherchen zum Buch.

Frage 5: Was sagen deine Familie und deine Freunde dazu, dass du schreibst und lesen sie deine Bücher?

Meine Familie hat mich von Anbeginn unterstützt und ihre Wertschätzung ausgedrückt. Das ist keine Selbstverständlichkeit. „NOVEMBERKIND“ ist ein autobiografischer Roman, in dem meine Familie einen erheblichen Anteil hat. Wir haben gemeinsam vorab besprochen, ob es meinen Kindern und Enkelkindern persönlich möglich ist, dieses Buch mitzutragen. Sie haben es fraglos bejaht. Meine Tochter liest das Buch schrittweise. Es berührt sie sehr. Mein Sohn ist leider aufgrund schwerer Hirnverletzungen nur bedingt in der Lage, den Inhalt des Buches in sich aufzunehmen. Hatte jedoch den Wunsch, dieses Buch bei sich zu haben.
Meine beiden erwachsenen Enkelinnen haben das Buch umgehend gelesen. Ihre Ansichten und Einsichten dazu sind eine wunderbare Hommage an die Autorin. Mein Enkel hebt sich die Lektüre für spätere Zeiten auf.
Eine gute Einstellung.
Die Menschen, die mir nahe stehen, reagieren mit großem Respekt, mit Anteilnahme und einfühlsamer Verwunderung auf dieses Buch. Jahrelang festgefahrene Einstellungen mir gegenüber verändern sich positiv. Ich bin dankbar.

Frage 6: Als Autor wachsen einem sicher die Protagonisten, die man entstehen lässt ans Herz, wie geht es Dir dabei, wenn Du unter ein Buch das Wort Ende schreibst?

Meine „familiären Protagonisten“ haben ihren Platz in meinem Herzen seit ihrer Geburt und schon davor.
Mein Inneres Kind – während meiner Therapie gefunden – hat einen eigenen kleinen Stuhl in meinem Herzen.
Das wird so bleiben. Alle weiteren „Mitwirkenden“ haben keinen wichtigen Platz mehr in meinem Leben. Sie waren zwar ein lebensbestimmender Teil meines Daseins – befinden sich nun aber, nach der erfolgreichen Therapie, in einer anderen Welt.

Frage 7: Gehst du neben dem Schreiben auch noch einem anderen Beruf nach, und wenn ja, welchem? Und wie schaffst du es das alles unter einen Hut zu bringen?

Ich bin seit vielen Jahren nicht mehr als Ärztin tätig und hatte daher jede Freiheit, mir zeitlich das Schreiben des Buches einzuteilen.

Frage 8: Gibt es etwas das du deinen Lesern gerne mitteilen und sagen möchtest?

Ja, sehr gerne:
Mensch zu sein bedeutet, zu verstehen, dass das Glück keine Konstante ist. Mensch zu sein bedeutet, alles zu fühlen und fühlen zu dürfen. Mensch sein bedeutet, die Lektionen zu begrüßen, die mit dunklen Tagen einhergehen. Aber auch die Weichheit annehmen zu können, die in Dir selber lebt. Mensch sein bedeutet, mit Deiner ganzen Seele stolz darauf zu sein, wer Du bist. Sei Dein eigenes Zuhause – auch an den Tagen, an denen Du Dich nicht magst.
Das wünsche ich allen von Herzen.

Vielen Dank für das interessante und offene Interview Esther und viel Erfolg mit allem, was du noch schreibst.

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